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Stand: 16.04.2014

Stellungnahme

Gute Pflege braucht Fairplay

Robert SeitzDr. Robert Seitz, Abteilungsleiter Soziale EinrichtungenCaritas Regensburg

"Bayern München, Borussia Dortmund und der FC Schalke sind doch sicherlich attraktivere Gegner als Jahn Regensburg", hieß es in einer E-Mail des Marketingpartners von Bayer Leverkusen an zahlungskräftige Luxus-Fans des abstiegsbedrohten 1. FC Köln. Die VIPs des Rivalen vom Rhein sollten damit motiviert werden, nach dem Abstieg ihres Vereins in die VIP-Lounge der Werkself zu wechseln. Der Abwerbeversuch ging voll daneben. Eine große Kioskzeitung sprach vom "Bayer-Geier", der Leverkusen-Boss entschuldigte sich für einen "respektlosen, unmoralischen und nicht akzeptablen Vorgang". 

Abwerbeversuche gibt es nun auch vermehrt in der Pflege-Branche. Prämien von bis zu 8000 Euro sollen Fachkräfte von einem Altenheim ins andere locken. Doch das wird nicht funktionieren. Eine gute Pflegeeinrichtung wird keine einzige gute Pflegekraft verlieren. Für das deutsche Pflegesystem ist das Abwerbungsspiel ein Nullsummenspiel und zugleich ein Trauerspiel. Es schafft keine einzige neue Stelle und zeigt zudem die Hilflosigkeit mancher Träger.

Die Not ist bundesweit groß: 35 000 Stellen sind in Altenheimen und Kliniken unbesetzt. Doch ein Träger, der auf verlässliche Arbeitsbedingungen und gute Bezahlung setzt, hat heute weniger Probleme. Bei der Caritas, deren Vergütungssystem sich eng an den Tarif des öffentlichen Dienstes anlehnt, verdienen Fachkräfte in Bayern mit etwa 3300 Euro brutto monatlich etwa zehn Prozent mehr als im Branchenschnitt. Die Ausbildungsvergütung liegt mit über 1000 Euro pro Monat an der Spitze aller Ausbildungsberufe. Dennoch: Die Personalnot ist auch in manchen Caritashäusern angekommen. Was tun? Sollen nach den "Schlecker-Frauen" nun alle Flüchtlinge in die Pflege? Nein! Der Pflegeberuf hat hohe fachliche und menschliche Anforderungen, im Krankenhaus wie im Pflegeheim. Wer sprachliche und qualitative Standards senken möchte, torpediert die Wertschätzung der Pflege. Und vierstellige Verlockungsprämien verhöhnen einen Herzwerker-Beruf, wenn die Beschäftigen primär als notwendiger Kostenfaktor und als austauschbar betrachtet werden. Ja, Pflege ist teuer, wie übrigens auch Krankheit teuer ist. Im Gegensatz zum Krankenhausbett kostet aber der Heimplatz den Betroffenen sehr viel eigenes Geld. Die Pflegeversicherung deckt nur einen vergleichsweise geringen Teil ab. Es ist deshalb gut und nur gerecht, wenn jeder Pflegebedürftige in Bayern ab Pflegegrad 2 ein Landespflegegeld von 1000 Euro im Jahr bekommt – unabhängig davon, ob er im Heim, von einem Pflegedienst oder von Angehörigen gepflegt wird.

Die wahren VIPs unserer Gesellschaft und unserer Familien sind diejenigen, die sie aufgebaut haben, die sie lebens- und liebenswert gemacht haben. Und den Wert einer Gesellschaft erkennt man laut unserem Bundespräsidenten daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Pflegebedürftige haben einen großen Wert und die Pflegenden eine wichtige Aufgabe. Dies gilt in der häuslichen Pflege ebenso wie im Altenheim, für pflegende Angehörige ebenso wie für Ehrenamtliche und ausgebildete Pflegekräfte. Und diese Tatsache ist noch ein wenig wichtiger als die Frage, ob der FC Bayern attraktiver ist als der Jahn Regensburg.

Dr. Robert Seitz
Abteilungsleiter Soziale Einrichtungen
Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V.