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Stand: 16.04.2014

Stellungnahme

Im Licht der Mitmenschlichkeit

Domkapitular und Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes Regensburg, Dr. Roland BatzDomkapitular und Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes Regensburg, Dr. Roland Batz

"Von Anfang an war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte. (...) Und das erste Element europäischer Lebenskraft ist die Solidarität." Mit diesen Worten erinnerte Papst Franziskus an die Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren. Es gilt als sicher: Solidarität bzw. Mitmenschlichkeit kann und darf nicht nur aus Worten bestehen. Eine Gesellschaft lässt sich nicht einfach technisch verwirklichen. Unser Zusammenleben braucht mehr als rechtliche Verfahrensweisen, sie braucht Mitmenschlichkeit.

Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. "Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?", fragte einer seiner Schüler. "Nein", sagte der Rabbi. "Ist es, wenn man einen Apfelbaum von einer Birke unterscheiden kann?", fragte ein anderer. "Nein", sagte der Rabbi. "Aber wann ist es dann?", fragten die Schüler. "Es ist dann, wenn du in das Gesicht eines Menschen blickst und darin deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns."

Diese Geschichte aus den Erzählungen der Chassidim bringt es auf den Punkt: Der Blick auf den Menschen lässt es hell, lässt es Tag werden. Allein die Liebe öffnet die Augen für das Antlitz des Mitmenschen. Ohne Liebe dagegen sind wir blind. Im Dunkel der Nacht bleiben wir einander fremd. Und wo Dunkelheit herrscht, da sind wir von Angst und dem Bedürfnis beherrscht, uns vor anderen zu schützen, zu verschanzen und zu verbergen.

"Im Gesicht eines Menschen die Schwester oder den Bruder sehen" – ist die Grundlage für ein solidarisches und friedvolles Zusammenleben der Menschen und der Völker.

"Im Gesicht eines Menschen die Schwester oder den Bruder sehen" – ist der Kern unserer jüdisch-christlichen Tradition. Ohne Nächstenliebe ist die Gottesliebe nicht vorstellbar.

"Im Gesicht eines Menschen die Schwester oder den Bruder sehen" –  ist nicht die Frage, ob genügend Licht vorhanden ist, sondern, ob das Licht der Nächstenliebe in unseren Alltag hineinleuchtet und ihn erhellt. 

Täglich lesen und hören wir, in wie vielen Ländern der Erde Hass und Gewalt, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung das Leben bestimmen. Für Millionen von Menschen ist das Grund und Ursache aus ihrer angestammten Heimat zu fliehen. Und da, wo sie ankommen, werden sie nicht immer mit offenen Armen als Bruder und Schwester aufgenommen. Wenngleich die damit verbundenen Herausforderungen zuweilen berechtigte Sorgen hervorrufen, muss es aus christlicher Perspektive zunächst und zuerst um die Menschen gehen. Es gilt also an jene Werte und Ideale zu erinnern, die unser Zusammenleben bisher stärkten und auch bereicherten. Abschottung und Stigmatisierung sind jedoch niemals lösungsorientiert oder gar zielführend. 

Weil die unantastbare Menschenwürde (vgl. Art. 1 Abs. 1 GG) es verbietet, den Menschen wie eine Sache zu behandeln, gehört es zu unserer christlich-moralischen Pflicht, unsere Stimme zu erheben, wenn menschliches Leben, ob geboren oder ungeboren, bedroht oder missachtet wird.

Als Kirche können wir inhumane Entwicklungen nicht wort- und tatenlos hinnehmen. Allen Formen der Ausgrenzung, Ausbeutung und Gewalt gegenüber Menschen ist entschieden gegenzutreten. Intoleranz und Gewalt - ob politisch motiviert oder aufgrund von sog. Sachzwängen –  sind nicht vereinbar mit den grundlegenden Werten unseres menschlichen Zusammenlebens und unserer Demokratie - und erst recht nicht mit unserem christlichen Glauben. Ein Menschenbild, das auf Selektion setzt, das heißt, den Stärkeren verherrlicht und all diejenigen abwertet, die "anders" oder scheinbar "nutzlos" sind, ist für Christen nicht zu akzeptieren. Denn Menschenwürde und Menschenrechte sind unteilbar.

"Im Gesicht des Menschen die Schwester oder den Bruder sehen" – ist das Gebot der Stunde. "Wählt Menschlichkeit", so heißt daher auch eine Caritas-Aktion, um das Thema der Integration zu stärken.

Aus der Erfahrung einer universellen Geschwisterlichkeit heraus ist unsere Kirche erwachsen. Das Pfingstereignis öffnet uns den Blick dafür, wie Menschen unterschiedlichster Herkunft einander verstehen, ja sogar die Sprache der anderen sprechen können. Der Geist Gottes ist es, der Gräben überwindet und Einheit in der Vielfalt zu bewirken vermag. Deshalb ist die Kirche Garant und "Globalplayer" für Mitmenschlichkeit.

Wenn wir im Gesicht eines Menschen die Schwester oder den Bruder sehen, dann geht bei uns das Licht der Mitmenschlichkeit auf. 

Dr. Roland Batz
Domkapitular
Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes Regensburg