Der Sonnenzug 2026 zieht über den Klosterplatz in Scheyern auf den Weg in die Basilika. Foto: H.C. Wagner
Regensburg. Zurückbleiben bitte! Auf Gleis eins des Regensburger Hauptbahnhofs fährt am Samstag, 4. Juli, um 8 Uhr morgens der 55. Sonnenzug los - ein Erfolgsprojekt der Caritas, ein Reisetag für Menschen mit Pflegebedarf, und ganz konkret: ein Zug der Agilis, befüllt mit 766 Litern Wasser und Schorle, 700 Knoppers, 450 Wurst- und Käsebrötchen, 19 Rollstühlen und 27 Rollatoren. Und natürlich mit 294 Reisegästen sowie mehr als 80 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.
Kurz vor der Abfahrt begrüßen im Führerstand die Reisegäste per Zugdurchsage (v.li.): Diözesan-Caritasdirektor Michael Weißmann, Diözesan-Caritasvorsitzender Michael Dreßel, Lokomotivführer Lukas, Agilis-Geschäftsführer Gerhard Knöbel, Oberbürgermeister Dr. Thomas Burger, Sozialbürgermeister Thomas Thurow. (Foto: H.C. Wagner)
Der Sonnenzug bringt seit 1971 an jedem ersten Samstag im Juli ältere, pflegebedürftige oder behinderte Menschen an einen besonderen Ort in Bayern. Haupt- und vor allem Ehrenamtliche der Caritas und der Malteser sorgen dafür, dass dieses Wagnis gelingt.
Der Sonnenzug rollte erstmals im Jahr 1971
Oberbürgermeister Dr. Thomas Burger, der in jenem Jahr geboren wurde, als der Sonnenzug erstmals startete, verabschiedet die Reisenden am Bahnsteig mit den Worten: "Eine großartige Einrichtung, die die Sonne zu den Menschen bringt." Sozialbürgermeister Thomas Thurow ergänzt: "Fantastisch!" Agilis-Geschäftsführer Gerhard Knöbel macht die Zugdurchsage: "Wir sind startklar. Die Strecke ist frei." Und Lukas, der Lokomotivführer, der wirklich so heißt wie sein Pendant aus Michael Endes Weltbestseller, sagt: "Das ist mein Kindheitstraum: Menschen von A nach B bringen."
Das ist der Sonnenzug: Miteinander, Begegnung, gute Laune. Junge Helfende unterstützen eine Reisende im Rollstuhl. Foto: H.C. Wagner
A ist heute Regensburg, B ist Pfaffenhofen. Dort steigen die Reisenden um. Umsteigen, umrollen, umrollatoren - hinein in acht Shuttlebusse. Das Ziel ist das Benediktinerkloster Scheyern, das vor 950 Jahren gegründet wurde, im Geiste des heiligen Benedikt, des Schutzpatrons Europas. Elf Mönche leben heute dort. Kirche und Kloster, Biobauernhof, Teichwirtschaft, Schule, Metzgerei, Brennerei, Brauerei und Hofladen bilden ein spirituelles sowie wirtschaftliches und kulturelles Zentrum in der Region.
Gottes Segen fährt mit
Doch zunächst geht es nochmals 90 Kilometer zurück in die Vergangenheit: Diözesan-Caritasvorsitzender Michael Dreßel spendet per Zugdurchsage den Reisesegen: "Wenn wir unterwegs sind, sind wir nicht allein." Im Zug sitzen jene Ehrenamtlichen, die zum ersten Mal mitfahren, neben den alten Hasen, die seit 25 Jahren dabei sind. Da sitzt auch ein Geburtstagskind, "Betty" wird 72 und verrät, was sie sich für den Tag wünscht: "Ich will Menschen treffen - dicke, dünne, kleine, große, alte, junge, behinderte, nichtbehinderte." Das Sonnenzug-Quintett spielt auf, zwischen den Sitzreihen tanzt ein Paar.
Die Organisatorinnen des Sonnenzugs von Caritas und Malteser Hilfsdienst (v.li.): Brigitte Weißmann, Daniela Schwarz, Leoni Keilhofer, Jana Melcher und Carla Schäfer.Foto: H.C. Wagner
Die Organisatorinnen der Caritas und der Malteser sind erleichtert. Alle sind drin und alles ist drin. Seit Monaten laufen die Vorbereitungen, ganz nach dem Motto "vor dem Sonnenzug ist nach dem Sonnenzug". Ein Dutzend Listen wurden erstellt und zusammengeführt, Listen mit Namen von Mitarbeitenden, mit Aufgaben, Verpflegung, Helferinnen und Helfern, Ärzten, Sanitätern, Bussen, Zügen, Abfahrtszeiten, Ehrengästen und Musikern - alle Teilnehmenden, alle Programmpunkte und alle Eventualitäten haben ihren Listenplatz.
Der Sonnenzug steht für das, was Caritas ausmacht
Jetzt ist alles geschafft, der Sonnenzug rollt. Carla Schäfer, Leiterin des Organisationsteams der Caritas, sagt: "Mein letzter Gedanke gestern vor dem Einschlafen? Ob zwei Wecker reichen."
Für sie ist der Sonnenzug ein Tag, der wie kein anderer für das steht, was Caritas ausmacht: die Zusammenarbeit mit Partnern wie den Maltesern, das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen - und vor allem der Blick auf die Menschen, die im Alltag oft am Rand stehen: ältere, pflegebedürftige und behinderte Menschen.
Gottesdienst in der Basilika Heilig Kreuz. (Foto: H.C. Wagner)
Von Blicken, die heilen
Nach dreieinhalb Stunden Unterwegssein sind die Reisenden des Sonnenzugs in der Basilika Heilig Kreuz im Kloster Scheyern angekommen. Diözesan-Caritasvorsitzender Michael Dreßel hält die Predigt. "Blicke können töten", sagt er. "Und Blicke können heilen." Es gebe Blicke des Neids, des Wegschauens und des Ausgrenzens. Aber auch Blicke, die verstehen, aufrichten und tragen. Beim Sonnenzug sind es genau diese heilenden Blicke, die den Tag prägen.
Und dann richtet der Caritasvorsitzende den Blick aufs Kreuz. Die senkrechte Linie weise nach oben, in den Himmel, zu Gott. Die waagrechte hinaus in die Weite der Welt, zum Mitmenschen. Erst beide zusammen ergeben das Kreuz. Und erst beide zusammen machen Caritas aus. Wo sich Himmel und Erde begegnen, wo Glaube und Nächstenliebe sich kreuzen, entstehe Heilung. Dort, sagt Dreßel, kommt der ganze Mensch in den Blick.
Der jüngste Teilnehmer, David, und die die älteste Mitfahrerin, Katharina. Zusammen sind sie 100 Jahre alt. (Foto: H.C. Wagner)
Begegnungen, die bleiben
Später treffen sich der jüngste Mitfahrer und die älteste Mitfahrerin. Die eine ist 1935 geboren, der andere 2017. Der Junge rechnet blitzschnell vor: "Dann sind wir zusammen 100!" Und diese Begegnung ist nur eine von unzähligen.
Da ist auch Michael, älter als 80, Fahnenträger der Malteser, der seit zehn Jahren mitfährt, und da sind die Brüder Lukas, 14, und Jonas, 16, Fahnenträger der Caritas, die zum dritten Mal den Sonnenzug begleiten. Da sind die Pflege-Auszubildenden aus Vietnam, die Ursula, 68, aus Kelheim treffen. "Dzo" - Prost -, bringen sie ihr beim Anstoßen mit Wasser bei. Ursula ist eine Frohnatur, in der Basilika aber wurde sie still. Als Michael Dreßel von den Blicken sprach, die heilen, dachte sie an ihre verstorbene Freundin, mit der sie Blicke für die Ewigkeit tauschte.
Mitreisende Roswitha, 78: „Es war großartig. Und wir waren nicht allein, wie sonst so oft.“ Foto: H.C. Wagner
Da ist Erna, älter als 70, die seit 25 Jahren als Helferin mitfährt, ein Urgestein des Sonnenzugs. Erna hat gleich noch ein Dutzend Freundinnen und Freunde angemeldet. Als Gäste, versteht sich. Und da sind zwei neue Helferinnen. Weil die eine, wie sie sagt, "schon immer ein Helfersyndrom hat", meldete sie sich nach einem Zeitungsaufruf kurzerhand an - und ihre Freundin gleich mit.
"Wir waren heute nicht allein, wie sonst so oft"
Am Ende des Tages steht für die beiden fest: "Wir kommen wieder. Wir sind erfüllt." Erfüllt von Gesprächen, die nicht immer leicht waren, aber anders als die Gespräche, die sie sonst im Alltag führen. "So ein Tag bringt einen wieder auf den Boden."
Und da ist Erwin, 87, der zum vierten Mal mitfährt. Den Schalk im Nacken, die Freude im Gesicht, erzählt er, wie viel er an diesem Tag gelacht hat. Eine andere zeigt ihren Instagram-Kanal übers Klöppeln und Roswitha, 78, sagt: "Es war großartig. Und wir waren nicht allein wie sonst so oft." Ein Satz, mit dem sie wie nebenbei beschreibt, worum es beim Sonnenzug seit 55 Jahren geht.
Wenige Kilometer später, kurz vor dem Regensburger Hauptbahnhof, macht Diözesan-Caritasdirektor Michael Weißmann die letzte Zugdurchsage des Tages: "Es war ein gigantischer Tag voller Gemeinschaft." Es ist 19.20 Uhr, als der Zug pünktlich auf Gleis eins einfährt. Zurückbleiben bitte!