Claudia Hauck, Geschäftsführerin Caritas Gemeinschaft Bayern und Vorsitzende des LandespflegeratesFoto: Sonja Och
Frau Hauck, Sie unterstützen die Kampagne #TrommelnFürDiePflege. Wofür trommeln Sie?
Claudia Hauck: Ich trommle für ein stärkeres Bewusstsein für Berufspolitik in der Profession Pflege.
Warum?
Claudia Hauck: Weil die eigene Berufsgruppe über das bestimmen muss, was in ihrem Beruf passiert. Bei allen Themen, bei denen es um Pflege geht, muss die Profession Pflege automatisch und selbstverständlich mit am Tisch sitzen.
Welche Themen sind das?
Claudia Hauck: In einer Gesellschaft, die altert, sind das viele Themen. Es geht beispielsweise um mehr Befugnisse für die Pflege, um einheitliche Bildungsstandards, sowohl in der Aus- als auch in der Fortbildung, um das Umsetzen neuer Wohn- und Arbeitskonzepte, um klare Rollenprofile im Pflegeberuf, vom Pflegehelfer bis zur akademischen Pflegefachperson, und um eine enge Verzahnung mit den Zu- und Angehörigen. Mindestens 80 Prozent der Menschen mit Pflegebedarf werden zu Hause versorgt, größtenteils ohne professionelle Hilfe. Da müssen wir gezielt Hilfe leisten. Ich stelle mir einen Pflegenotruf vor, eine Leitstelle, an die ich mich jederzeit wenden kann, ähnlich wie die Notfallnummern 112 oder 110.
Die Zahl derjenigen Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, steigt, zugleich werden wir nicht mehr Pflegefachpersonen haben als bisher. Wir müssen diejenigen, die wir haben, stärken und in den Blick nehmen. Wir müssen Pflege neu denken und wir brauchen wirklich gute Lösungen, um die Versorgung auch in Zukunft noch stemmen zu können. Nur wenn wir uns selbst mit unserer pflegerischen Expertise für unsere Berufsausübung einsetzen, kann sich etwas für die Menschen mit Pflegebedarf verändern.
An welche Lösungen denken Sie?
Claudia Hauck: Für eine gute Zukunft der Pflege müssen wir groß denken. Die gute Nachricht ist: Es gibt bereits innovative Konzepte. Leider werden sie bislang nicht flächendeckend umgesetzt, was mitunter an einer projektbezogen Finanzierungskultur seitens der Politik liegt. Für wirklichen Wandel braucht es aber eine stetige und verlässliche Finanzierung. Im Kern geht es in der Pflege der Zukunft um neue Rollenprofile, um Prävention und mehr Sichtbarkeit von Pflegexpertise im Alltag.
Haben Sie konkrete Beispiele?
Claudia Hauck: Ein neues Berufsbild in der Pflege ist beispielsweise die Community Health Nurse. Das ist eine Pflegefachpersonen, die nicht im Krankenhaus oder im Pflegeheim arbeitet, sondern direkt im Stadtteil oder in der Gemeinde. Sie behandelt und pflegt nicht nur, sondern gibt ihr Fachwissen weiter an die Menschen und bringt ihr Pflegewissen in den Alltag ein. Sie macht Hausbesuche, klärt zu Gesundheitsthemen auf, setzt Präventionsprojekte um, unterstützt bei der Rehabilitation, vermittelt weiter.
Dann gibt es die Advanced Practice Nurse. Sie ist eine Pflegefachperson mit erweiterter und vertiefter Qualifikation - meist auf Masterniveau. Sie übernimmt Aufgaben, die über die klassische Pflege hinausgehen und traditionell eher Ärzten vorbehalten waren. Die Advanced Practice Nurse ist so etwas wie die Fachärztin der Pflege - mit akademischer Weiterbildung, mehr Verantwortung und oft erweiterten Befugnissen.
Im Bereich Prävention gilt es, früh anzusetzen. So gibt es das neue Berufsbild der School Nurse. Sie ist eine speziell ausgebildete Pflegefachperson, die direkt an Schulen arbeitet und dort die Gesundheitsförderung, Prävention und gesundheitliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen übernimmt. Man kann sie sich als eine Mischung aus Schulsanitäter, Gesundheitscoach und Bindeglied zum Gesundheitssystem vorstellen - nur professioneller und mit Pflegehintergrund. In skandinavischen Ländern ist diese Rolle fester Bestandteil des Schulsystems, während sie in Deutschland noch im Aufbau ist.
Die neuen Berufsbilder stärken den Pflegeberuf. Fachkräften, die sich weiterentwickeln möchten, bieten sich attraktive Karrierechancen und Pflege erhält einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft.
Wie kann ein solches Umdenken gelingen?
Claudia Hauck: Das gelingt nur, wenn die entsprechenden Strukturen geschaffen werden. Wenn also die Profession Pflege ihre Expertise in die Diskussionen im Gesundheitswesen gleichberechtigt mit anderen Heilberufen einbringen kann. Eine leistungsfähige und professionelle Pflege braucht mehr Eigenverantwortung und eine starke Selbstverwaltung, etwa in Form einer Pflegekammer.
Andere Heilberufe wie beispielsweise Ärzte organisieren sich bereits seit 1927 in einer Landesärztekammer. Für die Pflege fehlt eine solche Kammer auf Landesebene bislang, einige Fachleute fordern sie vehement, auch Sie setzen sich dafür ein.
Welche Funktionen übernimmt eine Pflegekammer?
Claudia Hauck: Die wichtigste Funktion einer Pflegekammer ist die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen pflegerischen Versorgung der Bevölkerung. Die Expertise hierfür ist nur in der entsprechenden Berufsgruppe zu finden. Wesensmerkmal einer Kammer ist, dass sie sich ausschließlich aus Pflegefachpersonen zusammensetzt. Es geht um mehr Autonomie für die Profession Pflege.
Sie selbst sind Pflegefachfrau und haben sich weiterentwickelt zur Pflegepädagogin und Pflegwissenschaftlerin. Heute machen Sie Berufspolitik und treten für Ihre Berufsgruppe ein.
Was braucht die Profession Pflege?
Claudia Hauck: Mehr Mitsprache, mehr Selbstbewusstsein, mehr Berufsstolz. Wer in der Pflege arbeitet, stärkt andere. Es ist höchste Zeit, dass Pflegprofis auch für sich selbst einstehen. Pflege braucht Pflege.
Was bringt Sie zu dieser Einschätzung?
Claudia Hauck: Pflegefachpersonen sind Expertinnen und Experten für Menschen, denen es nicht gut geht. Das hat mich immer fasziniert. Pflegefachpersonen sind hochprofessionell ausgebildet und bringen für das Gesundheitswesen ganz eigene Kompetenzen mit. Gleichzeitig arbeiten sie in einem Spannungsfeld, das es ihnen schwermacht, ihr Können zu entfalten. Da ist beispielsweise der Arbeitgeber, der Vorgaben macht, der medizinische Dienst und zusätzlich die Heimaufsicht. Oder es passiert, dass sie nicht eingreifen können, weil sie auf eine ärztliche Entscheidung warten, die sie von ihrer Expertise her, eigentlich selbst treffen könnten. Solche Rahmenbedingungen schränken die Selbstwirksamkeit von Pflegefachpersonen ein. Das führt bei vielen dazu, dass sie sich zurücknehmen und sich ihrer eigenen Kompetenzen nicht mehr bewusst sind. Zudem liegt es oftmals in der Natur von Pflegfachpersonen, dass sie für andere einstehen - nicht aber für sich selbst. Dabei ist es gerade das, was auch anderen hilft.
Zur Person:
Claudia Hauck lebt Pflege in vielen Facetten. Der rote Faden ihres Berufslebens ist das Wachsen und Weiterentwickeln. Sie lernte in den 1990er-Jahren den Beruf der Krankenschwester in einem kleinen Krankenhaus in ihrer Heimat in Oberbayern. Nach der Ausbildung wechselte sie in eine große Einrichtung für Rehabilitation in München, später dann nach Aachen und Neuburg a. d. Donau in die geriatrische Reha. Sie bildete sich sowohl zur Rehaexpertin als auch zur Stationsleiterin fort. "Im Rhythmus von etwa zwei Jahren muss ich Neues lernen", sagt Hauck. Ihr Wissensdrang ließ sie Anfang der 2010er-Jahre berufsbegleitend einen Bachelor in Pflegepädagogik und einen Master in Pflegewissenschaften absolvieren. Schließlich wechselte sie von der direkten Pflege in die Vertretung der Pflege: Seit 2016 ist sie Geschäftsführerin der Caritas Gemeinschaft Bayern und seit 2024 Vorsitzende des Bayerischen Landespflegerates.
Weitere Informationen: #TrommelnFürDiePflege
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