Damit die Bewohner der Caritas Notunterkunft ihr Wahlrecht ausüben können, unterstützen die Mitarbeitenden sie bei Bedarf beim Ausfüllen des Wahlantrags. Pauline Jahn bespricht den Antrag mit einem Klienten.Sonja Och
Regensburg - Im Vorfeld der Kommunalwahl am 8. März setzt die Caritas Notunterkunft "NOAH - dein TagNachtHalt" (TNH) ein Zeichen für politische Teilhabe: Für alle Bewohner sichtbar, informiert im Eingangsbereich derzeit ein großformatiges Banner über die sozialpolitischen Positionen der kandidierenden Parteien.
Initiiert wurde die Aktion von Barbora Pokorny, Leitern der Caritas Notunterkunft. Unterstützung bekommt sie dabei von Pauline Jahn, Studentin der sozialen Arbeit, die im TNH ihr sechsmonatiges Fachpraktikum absolviert. Sie hat die Wahlprogramme aller Kandidierenden gezielt unter dem Blickwinkel ausgewertet, welche Maßnahmen für wohnungs- und obdachlose Menschen vorgesehen sind. "Ein Zeitungsabo kann sich hier niemand leisten. Deshalb versuche ich, Informationen niedrigschwellig zugänglich zu machen", erklärt Jahn.
Die Reaktionen der Bewohner seien gemischt. Viele begegneten dem Thema zunächst mit Resignation. "‚Die interessieren sich doch eh nicht für uns‘ - solche Aussagen hören wir häufig", berichtet Jahn. Angesichts der Tatsache, dass über 30 Prozent der wohnungs- und obdachlosen Menschen länger als zwei Jahre in Notunterkünften leben müssen, sei eine wachsende Politikverdrossenheit nachvollziehbar.
Max Lintl, 51 Jahre alt, lebt seit Oktober vergangenen Jahres in der Caritas Notunterkunft. Nach einem schweren Unfall, infolgedessen er zu 80 Prozent schwerbehindert wurde, verlor er seine Arbeit und schließlich seine Wohnung. "Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas mal passieren könnte", beschreibt er seine Situation rückblickend. Trotz persönlicher Krisenerfahrung betont Lintl die Bedeutung demokratischer Mitwirkung: "Wer nicht wählen geht, der kann auch nicht mitschimpfen", zitiert er seine Großmutter. Wählen sei für ihn als Staatsbürger selbstverständlich.
Pokorny betont die besondere Bedeutung der Kommunalpolitik für obdachlose Menschen: "Die Zahl der Unterbringungen, der Zugang zu Sozialleistungen und die Gestaltung des öffentlichen Raums werden vor Ort entschieden. Diese Beschlüsse wirken sich direkt auf den Alltag und die Perspektiven der Betroffenen aus."
Damit die Klienten des TNH ihr Wahlrecht wahrnehmen können, unterstützen die Mitarbeitenden bei Bedarf beim Ausfüllen des Wahlantrags. Ein Ausweisdokument und der Antrag genügen, um wählen zu können - auch ohne festen Wohnsitz.
Der ausgebildete Landwirt und Industriekaufmann Lintl ist zuversichtlich, dass er bis zur Kommunalwahl nicht mehr im TNH nächtigen muss, wünscht sich von den politisch Verantwortlichen aber trotzdem mehr Interesse für das Thema sozialer Wohnungsbau - auch außerhalb der Wahlperioden: "Eine Woche mit Streetworkern unterwegs sein, in einer Notunterkunft leben oder mit einem Wohnberechtigungsschein versuchen eine bezahlbare Wohnung in Regensburg zu mieten - dann sehen sie, wie die Realität aussieht."