Projekt

Sucht im Alter

Lebensqualität ist keine Frage des Alters

Projektleiterin Monika Gerhardinger (Bildmitte) mit den Ehrenamtlichen Helfern Klaus Schwer und Gerd Schmücker (v.l.n.r.)Projektleiterin Monika Gerhardinger (Bildmitte) mit den Ehrenamtlichen Helfern Klaus Schwer und Gerd Schmücker (v.l.n.r.)Caritas Regensburg

Als das Projekt "Lebensqualität im Alter" im Jahr 2013 anlief, wusste Monika Gerhardinger von der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme Regensburg noch nicht, wie alles laufen würde. Das Ziel war klar: Mit verschiedenen Angeboten der Suchthilfearbeit ältere Menschen mit Sucht- und Abhängigkeitsproblemen stärker in den Blick zu nehmen. Denn diese haben spezielle Bedürfnisse und brauchen dementsprechende Angebote und Hilfestellungen.

Drei Jahre lang wurde das Modellprojekt vom Bezirk Oberpfalz finanziert. Das Fazit nach drei Jahren: Es gibt nur Gewinner. Das Thema wird weiter an Bedeutung gewinnen. Deshalb hat der Bezirk die dauerhafte Finanzierung dieses Angebots zugesagt. "Unser Beratungsangebot für ältere suchtgefährdete Menschen und deren Angehörige wird gut angenommen", sagt Monika Gerhardinger, Suchtberaterin der Caritas und Leiterin des Pilotprojekts. Jede Woche steht sie für ältere Menschen und deren Angehörige zum Gespräch zur Verfügung. Für Ältere ist es oft ein großer Schritt, mit möglicherweise einem Suchtproblem in die Beratungsstelle zu kommen. "Sucht im Alter" ist ein Thema, welches zwar öffentlich langsam mehr Aufmerksamkeit bekommt, aber immer noch viel zu sehr tabuisiert wird. Sucht oder Suchtgefährdung sind bei älteren Menschen ein etwas anders gelagertes Thema. Nicht alle Senioren sind etwa "Säufer" und gleich süchtig. Bei älteren Menschen kommen da oft mehrere Faktoren zusammen: Mit zunehmendem Alter nehmen sie meist mehr Medikamente. Die körperlichen Kräfte lassen gleichzeitig nach, physiologische Veränderungen treten ein. Kommt dann noch Alkohol dazu, kann das unter Umständen zu einer gefährlichen Mischung werden. Soziale Faktoren wie Einsamkeit und Alterskrisen setzen dem noch eines drauf. Ein dadurch problematischer Konsum von Alkohol kann dann schnell zu einer Sucht auswachsen. Genau darauf möchte Monika Gerhardinger aufmerksam machen. Und sie baut dabei von Anfang an auf die Mitarbeiter von ehrenamtlichen Senioren vom Treffpunkt Seniorenbüro der Stadt Regensburg. Diese bringen ihre eigenen Erfahrungen mit ein und unterstützen so die Fachkräfte in hohem Maß. "Dieser Zusammenschluss von verschiedenen Selbsthilfegruppen ist wesentlicher Teil unserer Arbeit", sagt Gerhardinger. Der angeleitete Gesprächskreis für betroffene Senioren habe sich als Angebot etabliert. Zwischen sechs und neun Teilnehmer treffen sich regelmäßig alle zwei Wochen in der Suchtambulanz der Caritas in der Hemauerstraße.

Wirkung nach außen und innen
Ein positiver Nebeneffekt dieses Projekts war die stärkere interne Vernetzung der beiden Caritas-Bereiche Sucht- und Altenhilfe. "Suchtprobleme gemeinsam lösen", das war der Ansporn. Die Profis aus der Altenpflege wurden von den Suchtexperten für problematisches Konsumverhalten bei Bewohnern oder Pflegebedürftigen sensibilisiert. Die Pflegeprofis bekamen angemessene Reaktionsmöglichkeiten aufgezeigt. Gemeinsam mit Roswitha Maria Straßer und Anita Kerscher, den Referentinnen für stationäre und ambulante Pflege vom Caritasverband Regensburg, und zwei Ehrenamtlichen aus der Suchtselbsthilfe des städtischen Treffpunkts Seniorenbüro wurden zunächst Richtlinien zur internen Vernetzung von Sucht- und Altenhilfe erarbeitet. Diese sind bereits praxiserprobt. "Bereits durch die Fortbildung kam in den Pflegeeinrichtungen ein Prozess in Gang", sagt Gerhardinger. Die Mitarbeiter tauschten sich untereinander aus. Auch die eigene Einstellung zur Problematik kam auf den Prüfstand. Die Pflegedienstleiterinnen suchten sogleich den direkten Draht zu den Hausärzten der Pflegebedürftigen. Sie gaben Rückmeldung über Auffälligkeiten und Veränderungen bei Bewohnern und regten an, Medikamentenpläne zu überarbeiten. "Schon nach kurzer Zeit konnten alle Einrichtungen positive Auswirkungen melden", bestätigt Roswitha Maria Straßer. Einige Heimbewohner waren nach der vom Hausarzt angeordneten Reduzierung der Medikamente viel agiler und lebensfreudiger. Für die Mitarbeiter bedeutete das mehr Zeit für die Bewohner und weniger Zeit für die Medikamentenvergabe.

Expertise bundesweit
Monika Gerhardinger hat zusammen mit den Kooperationspartnern viel Herzblut und Expertise in das Projekt investiert. Sie ist mittlerweile eine bundesweit angefragte Fachfrau zu diesem Thema. Jetzt hofft sie, dass auch Pflegeheime anderer Träger Interesse zeigen und von den Erfahrungen der ersten drei Jahre profitieren wollen. Das Konzept steht und die Richtlinien sind kein Geheimnis. Denn am Ende gewinnen alle: Bewohner, Pflegebedürftige, Angehörige und Mitarbeitende der Einrichtung. Und Sie bleibt weiterhin eine kompetente Ansprechpartnerin für betroffene Senioren und deren Angehörige.  


Zusatz-Info 1: Sucht im Alter

Monika Gerhardinger bietet Einzelberatung für ältere Menschen und ihre Angehörigen. Interessierte sollten einen Termin vereinbaren, um Wartezeiten zu vermeiden. Auch Hausbesuche sind möglich. Im Rhythmus von zwei Wochen lädt die Caritas immer am Donnerstag von 15.00 bis 16.30 Uhr Betroffene zu einem offenen Gesprächskreis. Ein Vorgespräch ist erwünscht, die Teilnahme ist kostenlos. Ehrenamtliche Helfer vom Treffpunkt Seniorenbüro, den Selbsthilfegruppen des Kreuzbundes und den Anonymen Alkoholikern sind wichtige Partner. Sie bieten auf Anfrage Besuchs- und Hol-Dienste, Einzelberatungen und Aufklärung an. Kontakt und Info: Fachambulanz für Suchtprobleme, Hemauerstraße 10c, Telefon 0941/6308270. Alle Infos auch im Internet unter www.suchtambulanz-regensburg.de. 

Zusatz-Info 2: Sucht im Alter in Deutschland
Mehr als zwei Millionen ältere Männer und Frauen rauchen, bis zu 400.000 sind von einem Alkoholproblem betroffen und bei ein bis zwei Millionen Menschen weist der Gebrauch psychoaktiver Medikamente zumindest Gewohnheitscharakter auf. In den Einrichtungen der Suchthilfe sind ältere Männer und Frauen jedoch nur selten anzutreffen. Im Jahr 2004 waren von insgesamt rund 250.000 Betreuten, deren Beratung und Behandlung dokumentiert wurde, nur rund 12.400 im Seniorenalter. Damit erhält nur ein sehr kleiner Teil der Betroffenen angemessene fachliche Hilfe. (Quelle: DHS, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen)

(v.l.n.r.) Michael Koller (Caritas-Fachambulanz), Josefine Hirn (Gesundheitsamt Schwandorf), Sabine Fuchtler (Erziehungsberatungsstelle), Karin Schmittner, Marion Santl (beide Caritas-Fachambulanz) un

Suchthilfe

Vernetzt gegen Alkohol und Drogen

Der Sucht-Arbeitskreis für den Landkreis Schwandorf formiert sich neu. Die Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme und das Gesundheitsamt Schwandorf haben die Initiative übernommen. Das Ziel: die Neuorganisation von engagierten Suchtberatungsgruppen. mehr

Monika Finken (links) im Gespräch mit einer Heimbewohnerin. „Unsere Bewohner sind durch die Tablettenreduktion nun wacher und agiler“, so die Pflegedienstleiterin. / kutz/burcom

Sucht im Alter

Mit weniger mehr Lebensqualität bewirken

Das Caritas-Alten- und Pflegeheim Friedheim in Regensburg setzt auf noch mehr Achtsamkeit bei Medikamenten und Alkohol. Dabei ist eine enge Kooperation mit Angehörigen und Ärzten bei der Medikamentenvergabe sehr wichtig. mehr

Thomas Buck, Regionalgeschäftsführer der BARMER GEK Regensburg, Monika Gerhardinger, Fachambulanz für Suchtprobleme Regensburg, Dr. med. Gert Rogenhofer, 1. Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes  / Barmer GEK

4-K-Regel

Gemeinsam gegen die Abhängigkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln

Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland sind von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig. Betroffen sind vor allem ältere Menschen, darunter zwei Drittel Frauen. Caritasverband, Barmer GEK, Ärzteverband und Apothekerverband starteten nun in Regensburg gemeinsam eine Präventionskampagne. mehr

Die Geschichten von Astrid Lindgren verbinden Generationen: Eine junge Schülerin liest den Bewohnern ihre Lieblingsgeschichten vor. / Fabian Kutz/burcom

Kooperation

Weil weniger viel mehr Leben ist

Das Caritas Alten- und Pflegeheim Marienheim in Schwandorf geht neue Wege in der Altenhilfe. Eine bessere Medikamentenkontrolle und ein offener Umgang mit Alkohol haben viele Dinge zum Positiven gewendet, für Bewohner und Personal. Das Caritas-Projekt „Vernetzung Sucht- und Altenhilfe“ trägt erste Früchte. mehr

Pflegekräfte zusammen mit den Suchtexperten. / Kutz, burcom Regensburg

Pilot-Projekt

Miteinander für die Gesundheit älterer Menschen

Ein neues Caritas-Pilotprojekt bringt Sucht- und Altenhilfeexperten zusammen. Das Ziel: Die Altenpflegekräfte für problematisches Konsumverhalten von Heimbewohnern zu sensibilisieren und ihnen angemessene Reaktionsmöglichkeiten aufzuzeigen. Das Projekt "Vernetzung Sucht- und Altenhilfe" läuft zunächst ein Jahr. mehr

Caritas-Beratung Sucht im Alter, Foto: Petra Bork, pixelio.de / Caritas-Beratung Sucht im Alter, Foto: Petra Bork, pixelio.de

Suchthilfe

Lebensqualität und Unabhängigkeit im Alter

Erich ist 76 Jahre alt. Seit er die Stufen zu seiner Wohnung im zweiten Stock nicht mehr so gut gehen kann, bittet er die Nachbarin, ihm sein Bier und Cognac vom Einkauf mitzubringen. Sie tut ihm den Gefallen. Doch als er immer wieder in seiner Wohnung stürzt und sich dabei blaue Flecken und Prellungen zuzieht, macht sie sich Sorgen. mehr